Dienstag, 28. März 2006

Wochenbericht 016 (20.03.06 bis 26.03.06)

Nachdem ich eine Nacht in einem Loch-ähnlichen Zimmer vis-à-vis des Bus-Terminal verbrachte hatte, machte ich mich am Montagmorgen auf, um das Zentrum von der Hauptstadt von Paraguay, "Asuncíon", zu erkunden. Beim Warten auf den passenden Bus für das Zentrum, kam ich mit einer älteren Frau ins Gespräch. Sie fragte mich was zum Teufel ich in Paraguay machen würde. Hier würde es ja nicht einmal schöne Frauen geben. Dieses Mal war ich es, der mit grossen Augen schaute. Was die Frauen anbelangte, sollte sie aber recht behalten... :-(

"Asuncíon" fand ich nicht sonderlich ansprechend. Schon nach ein paar Stunden hatte ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gesehen. Um 13:00 setzte mich dann in einen der wenigen schönen Pärke, welche die Stadt zu bieten hatte. Es war extrem heiss und schwül. Der Schweiss lief einem auch beim nichts tun nur so herunter. Ich überlegte mir, was ich als nächstes Ziel ins Auge fassen wollte. Es gab die Möglichkeit in Paraguay zu bleiben, oder Paraguay sofort zu verlassen. Ich befand dann allerdings, dass ich Paraguay nicht schon nach zwei Tagen wieder verlassen konnte. Ausserdem wollte ich die Hitze noch ein bisschen mehr geniessen... ;-) Ich entschloss mich deshalb, dem paraguayischen "Gran Chaco" einen Besuch abzustatten. (Bild 1: Pantéon de los Héreos in Asunsíon)

Paraguay wird durch den Nord-Süd-verlaufenden Fluss "Rio Paraguay" in zwei Hälften geteilt. Die westliche Hälfte wird "Chaco" genannt. Nur gerade 3% der paraguayischen Bevölkerung lebt in diesem Gebiet. Der Chaco ist ein ziemlich flaches Steppengebiet, in welchem in den heissesten Monaten 48° keine Seltenheit sind. Eine relativ unwirtliche Gegend für den Menschen. Trotzdem ist der Chaco teilweise besiedelt. Ab den 30er-Jahren bis nach dem 2. Weltkrieg siedelten sich deutschstämmige Russland-Mennoniten auf der Flucht vor dem stalinistischen Regime im Chaco an. Sie gründeten drei grössere Kolonien.

Ich entschloss mich, die Kolonie "Fernheim" mit dem Hauptort "Filadelfia" zu besuchen. Schon 1.5 h nach meinem Entschluss sass ich auf dem Bus in den Chaco. Es sollte die erste von drei aufeinanderfolgenden "schlimmen" Busfahrten werden. Ich sass in der zweitletzten Reihe direkt neben dem WC, dessen Tür leider defekt war. Es war deshalb, als würde man fünf Stunden in einem ToiToi-WC-Häuschen sitzen... :-(

In "Filadelfia" quartierte ich mich im Hotel "Florida" ein. Zum Abendessen bestellte ich mir einen gemischten Salatteller für CHF 1.30. Es stellte sich dann heraus, dass ich mich dafür an einem feinem "All-you-can-eat-Salatbuffet" bedienen konnte. Mmhh... das war gut und tat gut... ;-)

Am Dienstagmorgen machte ich mich dann auf, um "Filadelfia" und den umliegenden "Chaco" zu erkundigen. Die Häuser im Städtchen "Filadelfia" stehen relativ weit auseinander, so dass man von einer Kreuzung bis zur nächsten ziemlich weit laufen muss. Weil es in den drei Tagen zuvor immer wieder einmal geregnet hatte, und weil die breiten Strassen nicht geteert sind, war es eine ziemliche schlammige Angelegenheit, eine Strasse zu überqueren. Der März ist zwar der regenreichste Monat im Chaco. Dass es allerdings drei Tage hintereinander geregnet hatte, war anscheinend ziemlich ungewöhnlich. Und auch an diesem Tag war es schon am Morgen stark bewölkt. Mit der von mir erwünschten Chaco-Hitze wurde damit leider vorläufig nichts. (Bild 2: Schlammige Hauptstrasse "Hindenburg" in Filadelfia bei Sonnenuntergang / Bild 3: Ton in Ton, Andy auf der "Hindenburg")

"Filadelfia" hat keine grosse Tourismus-Infrastruktur, und in meinem Reiseführer stand ebenfalls nicht gerade viel darüber. Deshalb musste ich mir meine Chaco-Erkundungstour selber irgendwie organisieren. Nach vielem Herumfragen fand ich dann einen Taxifahrer, welcher mich für einen halbwegs vernünftigen Preis ein bisschen im umliegenden "Chaco" herumfahren und zu einer naheliegenden "Hacienda" bringen würde. Die Wege, welche durch den "Chaco" führen, waren nicht viel besser, als die Strassen in "Filadelfia". Teilweise lief der Taxifahrer barfuss durch die riesigen Wasserlachen, um zu kontrollieren, ob er hier mit seinem Taxi durchfahren konnte. Einmal musste ich dann auch ziemlich lange auf ihn einreden, bis er sich endlich getraute hindurch zu fahren... ;-) (Bild 4: Taxifahrer beim untersuchen der überschwemmten Strasse)

Gegen 11:00 kamen wir dann bei der "Estación Iparoma", einer Rinderfarm, welche einem älteren Ehepaar aus der zweiten Mennonitengeneration gehörte, an. Die meisten Mennoniten sprechen nach wie vor Hoch- und Plattdeutsch. So auch die Gutsherrin. Sie zeigte mir ihre Farm, erklärte mir viele Dinge über die Mennoniten-Gemeinschaft, und zeigte mir das Familienalbum, welches ein bisschen dokumentierte, was sie und ihr Ehemann alles schon erreicht hatten. Das war sehr eindrücklich.

Sie lud mich dann zum Mittagessen ein, und wir verabredeten, dass ich am Nachmittag mit einem angestellten Indianer zu den Rinderherden reiten könne. Den Taxifahrer hatte ich unterdessen wieder - nach einer harten Preisreduktionsverhandlung - nach "Filadelfia" geschickt, denn der Gutsherr wollte mich am späteren Nachmittag wieder zurück ins Städtchen fahren.

Nach dem Mittagessen war dann die strikt eingehaltene Siesta bis Punkt 14:00 angesagt. Unterdessen waren die Wolken verschwunden, und die Sonne schien unbarmherzig. Ich machte es mir in einer Hängematte im Schatten gemütlich und las eine natürlich auf Deutsch geschriebene Mennonitenzeitung. Ich sag nur: Spinner... ;-) Aber jedem das seine.

Um genau 14:00 kam der Indianer mit zwei Pferden angetrabbt, und begann sie zu satteln. Leider änderte sich zu diesem Zeitpunkt auch urplötzlich das Wetter, und innerhalb von 10 Min. hatten wir ein Gewitter, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen hatte. Gemäss Gutsherrin hatte es so einen Regen schon lange nicht mehr gegeben. Obwohl innerhalb von wenigen Minuten ihr Vorzimmer unter Wasser stand, freute sie sich sehr über den Regen, denn nach drei trockenen Jahren mit grossen finanziellen Verlusten versprach dies wieder gute Weiden für die Rinderherden zu geben. (Bild 5: Gefangener Tukan auf der Estación Iparoma)

Der Reitausflug war somit buchstäblich ins Wasser gefallen. Als der Regen langsam nachliess, fuhr mich der Gutsherr mit seinem fast noch neuen Toyota-Geländewagen zurück. Schon nach wenigen Minuten fragte er mich, ob ich Lust hätte, selber ein wenig durch den verschlammten "Chaco" zu fahren. Ich liess mich natürlich nicht zweimal bitten. Es war ziemlich Fun, eine Stunde lang durch Schlamm und Wasser zu fahren. Als wir in "Filadelfia" ankamen fragte er mich, was ich nun vor hätte. Ich antwortete ihm, dass ich anschliessend die lokale Sattlerei besichtigen wollte. Er meinte dann, dass er mich begleiten und anschliessend ins Hotel zurückfahren würde. Das nenne ich Service. Die Sattlerei, welche in Handarbeit hochwertige Ledersättel für den Export nach Deutschland und USA herstellt, war sehr interessant zu besichtigen. Erstaunt war ich dann allerdings sehr, als ich einen Zürcher in meinem Alter antraff, welcher in dieser Sattlerei schon seit 13 Jahren arbeitet.

Abends schaute ich mir im Hotel dann noch einen Film über die Geschichte der Mennoniten im Chaco an. Das Video und die vielen Gespräche, welche während des Tages geführt hatte, gaben einen kleinen Überblick, wie eine mennonitische Kolonie in Paraguay funktioniert. Die Kolonien sind quasi wie eigenständige Staate innerhalb von Paraguay. Das einzige, was vom Staat Paraguay zur Verfügung gestellt wird, ist die Anbindung an das paraguayische Strassennetz sowie die Verbindungsstrassen zwischen den einzelnen Mennoniten-Kolonien und die Telefonanschlüsse. Dafür bezahlen die Mennoniten aber auch keine Steuern an den Staat Paraguay. (75% der Paraguayaner bezahlen diese übrigens ebenfalls nicht, denn Paraguay ist das Land, welches weltweit am meisten Probleme hat, die ihm gesetzlich zustehenden Steuern einzutreiben.) Die Mennoniten bezahlen ihre "Steuern" an die kolonie-eigene Kooperative. Diese stellt dafür die notwendige Infrastruktur (Strassen, Spitäler, Schulen, Polizei, etc.) zur Verfügung. Gleichzeitig ist die Kooperative aber auch unternehmerisch tätig. Sie verarbeitet die Milch ihrer mennonitischen Mitglieder und expotiert die Produkte nach ganz Südamerika, betreibt eine riesige Fleischfabrik, einen Supermarkt, einen Auto- und Motorradhandel, ein Möbelgeschäft und vieles mehr. Dadurch ist sie natürlich auch der grösste Arbeitgeber einer jeden Kolonie. Die Leute, welche für die Kooperative arbeiten, verdienen doppelt so viel wie jemand, welcher einer Arbeit ausserhalb der Kooperative nachgeht. Neben Gott scheint die Kooperative das Zentrum der Mennonitenkolonien zu sein. Es kam mir fast ein bisschen vor, als wäre die Kooperative eine Art "Big Brother", welche alles kontrolliert. Einen ziemlich machtvollen Posten, welchen die Chefin der Kooperative in "Fernheim" da hat. Da immer mehr Indianer und Paraguayaner in die Siedlungen der Kolonien ziehen, möchte der Staat Paraguay mehr Kontrolle über die Kolonien. Deshalb sind die Mennoniten nun auch in die nationale Politik eingestiegen, um mit Lobbyismus den Einfluss des Staates klein zu halten. (Bild 6: Hauptgebäude von "Big Brother Fernheim" / Bild 7: Fabrikgebäude der Kooperative im sowjetischen Baustil / Bild 8: Wenn es sauber werden soll, muss "Suizo" darau stehen; Reinigungsmittel im Supermarkt der Kooperative)

Am Mittwoch fuhr ich wieder zurück nach "Asuncíon". Mit einem Bus aus den frühen 70er-Jahren war es eine ziemlich Horror-Fahrt, auf welche ich gar nicht weiter eingehen möchte. Sie dauerte erst noch 2.5 h länger, als die Hinfahrt. Um 16:00 war ich dann in "Asuncíon" am Bus-Terminal. Leider war mein "Anschlussbus" nach "Corrientes" in Argentinien erst um 24:00. Super! Zum guten Glück hatte es ein günstiges Internet-Café beim Bus-Terminal, wo ich die lange Wartezeit überbrücken konnte.

Am Donnerstag um ca. 01:00 kamen wir mit dem Bus beim Grenzübergang zu Argentinien in "Clorinda" an. Die Beamten schienen leicht gelangweilt zu sein, denn wir bekamen das volle Programm. Die Passkontrolle verlief noch problemlos. Stutzig machte mich dann aber die Tatsache, dass die Pässe von allen Buspassagieren zurückbehalten wurden. Wir mussten uns ca. 50 Meter hinter dem Bus in eine Reihe stellen. Dann kam der Drogenhund. Jedes Bein wurde beschnüffelt, jede Tasche, etc. Dann ging der Hund in den Bus, wo er weitersuchen musste. Danach beschnüffelte er noch die grossen Gepäckstücke, welche unterdessen aus dem Bus ausgeladen und auf die Strasse gelegt worden sind. Ich freute mich schon, dass wir es jetzt nun geschafft hatten, und wieder in den Bus einsteigen konnten. Daran war aber leider nicht zu denken. Es kam noch zusätzlich die "Flughafenkontrolle" zur Anwendung, wo alle Passagiere alle ihre Gepäckstücke durchleuten lassen mussten. Ich weiss nicht genau, was die Maschine untersuchte, aber ich "durfte" meinen grossen Rucksack öffnen. Ich fragte den Beamten, was er wo suchen würde. Schliesslich hatte er ja am Monitor gesehen, was ihm wo verdächtig vorkam. Keine Antwort. Verbissen machte er sich über das untere Fach meines Rucksackes her, und rupfte ein Teil nach dem anderen heraus. "Aha, Schuhe." "Wieso ist die Regenjacke und der Fleece in einem Sack verpackt?" etc. Als er dann noch nicht gefunden hatte, was er eigentlich suchte, machte er sich über das obere Fach des Rucksackes her. Wieder die gleich blöden Fragen. "Was ist das?" "Das ist eine Flasche.", war meine Antwort. Schlussendlich machte er dann ein oberes Aussenfach auf und sagte: "Aha, das ist ja nur ein Buch." Ich hätte im am liebsten eine gehauen. So ein Vollidiot. Unter dem mitleidigen Lächeln der einheimischen Busmitreisenden durfte ich meine Habseligkeiten dann wieder zusammenpacken.

Damit war die Story aber leider noch nicht fertig. Wir durften dann zwar von der Grenze wegfahren. Wir wurden auf dem Weg nach "Corrientes" aber noch dreimal angehalten, wovon einmal das Gepäck noch einmal kontrolliert wurde... :-( Na gut. Ich hatte wieder eine Lektion gelernt: Passiere in einem 3.-Welt-Land nie nachts die Grenze... ;-)

"Corrientes" war für mich eigentlich nur ein Durchgangsstopp auf dem Weg nach Uruguay. In meinem Reiseführer wurde die Stadt als sehr schön beschrieben. Da ich von den letzten zwei Busfahrten ziemlich "durch" war, nahm ich mir ein Zimmer, um am Morgen ein paar Stunden zu schlafen. Als ich dann Nachmittags einen Stadtrundgang machte, war da aber nicht allzuviel Spezielles zu sehen. Das beste war allerdings, das eine Stunde Internet nur CHF 0.40 gekostet hat... ;-) (Bild 9: Eines der Balkonhäuser, für welche Corrientes bekannt ist)

Um 19:00 machte ich mich dann wieder auf den Weg zum Bus-Terminal von "Corrientes". Ich wollte an die uruguayanische Grenze beim argentinieschen Ort "Gualeguaychú" fahren. Nach drei "Horror"-Fahrten, war dies eine richtig erholsame Fahrt (Nueva Chevallier). Viel Platz, ein guter Film (Scene of a Crime), und es wurde einem sogar ein kleines Abendbrot serviert. Im Ganzen gesehen war der Service besser als bei den Europaflügen der "Swiss"... ;-)

Weil es ein Direktbus nach "Buenos Aires" war, fuhr er nicht ins Zentrum von "Gualeguaychú". Um 05:00 liess mich der Buschauffeur bei einer Raststelle an der Autobahn aussteigen. Es war dann ein wenig ein komisches Gefühl, auf dem Pannenstreifen einer dreispurigen Autobahn zu stehen, und auf den nächsten vorbeifahrenden Lokalbus, welcher mich ins Zentrum bringen sollte, zu warten.

Auf der Raststelle hatte ich noch erfahren, dass an diesem Freitag ein argentiniescher Nationalfeiertag war. Das liess mich nichts Gutes für die Busverbindungen nach Uruguay erahnen. Als ich um 09:00 beim Bus-Terminal ankam, wussten die noch nicht, ob einen Bus um 12:00 oder um 19:45 fahren würde. Um 11:00 wussten die dann mehr, und ich hatte Glück, dass er um 12:00 fuhr.

Der Grenzübergang nach Uruguay war wie Schokolade lecken. Man musste einfach im Bus sitzen bleiben. Zuerst kam ein argentiniescher Grenzbeamter in den Bus und kontrollierte alle Ausweise. Meinen Pass nahm er mit, um den Austrittsstempel zu machen. Ein bisschen unwohl war mir schon, als mein Pass so aus meinem Blickfeld verschwand. Der Bus fuhr anschliessend 10 Meter weiter über die Staatsgrenze, wo dann ein Grenzbeamter von Uruguay in den Bus stieg. Er machte einen Rundgang durch Bus und hielt dabei nach verdächtigen Gepäckstücken ausschauen. Als er wieder ausgestiegen war, fuhr der Bus los. Ich wollte schon aufschreien: "Hey, mi passaporte!". Da sah ich dann aber schon, wie der Buskondukteur mit meinem schönen, roten Pass in der Hand und strahlendem Gesicht auf mich zukam. Sowohl der Austrittsstempel von Argentinien als auch der Eintrittsstempel und das notwendige Visa-Papier von Uruguay waren im Pass. Perfekt! So müsste es überall sein. Aber auf der anderen Seite gäbe es dann keine abenteuerlichen Grenzübergänge mehr, und die haben ja auch ihren Reiz.

Uruguay wird ja oft als die "Schweiz von Südammerika" bezeichnet. Und so kam es mir auch vor. Die Landschaft auf der Fahrt von der Grenz zur Stadt "Mercedes" glich in etwa dem schweizerischen Jura, nur dass es es viel flacher war. Und auf den Weiden standen schwarz-weiss gefleckte Kühe...

Auch "Mercedes" war nur ein Zwischenstopp. Ich musste mich bei allen Busgesellschaften durchfragen, bis ich bei der allerletzten noch eine Busverbindung fand, welche mich noch zu einer halbwegs vernünftigen Zeit nach "Colonia del Sacramento" brachte. Obwohl es am Bus-Terminal zwei Wechselstuben gab, wollte mir aber keiner meine argentinieschen Pesos in uruguayische Pesos wechseln. Ich nutzte deshalb die Zeit bis zur Abfahrt des Buses für einen kleinen Stadtrundgang und einem Gang zur nächstgelegenen Bank. Zurück beim Bus-Terminal, welches übrigens klimatisiert war, traute ich meinen Augen fast nicht. Es gab wie am Flughafen einen Monitor, auf welchem fein säuberlich der Status einer jeden Busabfahrt aufgeführt war. "On Time", "Boarding", usw. Wow. In anderen Ländern steht man teilweise an einem Strassenrand und versucht durch Handzeichen den gewünschten Bus zum Anhalten zu bringen. Aber in Uruguay gibt es es sogar eine "Boarding Time"... :-) (Bild 10: Uruguayische Kinder in Mercedes in der Schuluniform)

Abends um 20:30 kam ich dann in "Colonia del Sacramento" an. Wenn man auf der südlichen Halbkugel in Richtung Süden reist, bedeutet dies nicht wie auf der nördlichen Halbkugel, dass es wärmer wird, sondern dass es kälter wird. Als ich zum Bus ausstieg, spürte ich diese Tatsache nun das erste Mal am eigenen Leibe. Es war merklich kühl (geschätzte 15°). Ich griff deshalb in meinen Rucksack, um meinen langärmligen Sweater hervor zu ziehen... Ups, nix mehr da. Offensichtlich hatte ich den im Bus als Kopfkissen dienende Sweater vor lauter Freunde über das Ende der angenehmen Busfahrt nach "Gualeguaychú" noch im Halbschlaf um 05:00 auf meinem Sitz liegen gelassen. Mein erster Verlust auf meiner Reise. Naja, solange es nur ein billiger Swester aus Venezuela ist... ;-) (Bild 11: Uruguayaner aus Mercedes in traditioneller Kleidung)

Auf jeden Fall quartierte ich mich auch ohne Sweater in "Colonia del Sacramento" in der Jugendherberge ein. Anschliessend machte ich mich auf, um ein Restaurant zu suchen. Ich landete dann per Zufall in der historischen Altstadt. Überall stilvoll eingerichtete Restaurants mit Live-Musik. Naja, man kann es sich ja auch als Backpacker mal gut gehen lassen. Ich setzte ich mich dann in das gemütliches Restaurant, welches einen Pianisten und den Eintrag "Fondue de Queoso" auf der Menükarte stehen hatte. Fondue! Das konnte ich natürlich nicht auslassen. Ich bestellte mir dann einen gemischten Salat, das Fondue und ein Glas Weisswein. Dummerweise hatte ich dann schon fast genug, als ich mit dem gratis zur Verfügung gestellten Korb voll Aperitif-Gebäck mit verschiedenen Buttersorten und Quarksaucen fertig war. Dar Salat kam dann mit italienischem Balsamico und Olivenöl. Wow, das hatte ich in der Schweiz das letzte Mal. Naja, das Fondue war dann weniger überzeugend. Es schmeckte irgendwie nach Butter. Aber das hat man halt davon, wenn man inmitten von Südamerika Fondue isst... ;-)

Am Samstagmorgen machte ich mich dann auf, um die historische Altstadt, welche teilweise von den Portugiesen und teilweise von den Spaniern gebaut wurde, zu besichtigen. Auch diese Altstadt ist ein UNESCO-Weltkulturerbe. Wow. Ich kann nur sagen, dass dieses Städtchen eine richtige Perle ist. Die Uruguayaner tragen grosse Sorge zu der alten Bausubstanz, und haben in den historischen Häusern stilvolle Museen, Galerien, Cafés, Restaurants und Läden eingerichtet. Würde dieses Städtchen in einem anderen Land als Uruguay stehen, wäre es mit Touristen total überlaufen. Da Uruguay nicht so viel (internationalen) Tourismus erhält, kann man die Schönheit des Städtchens richtig geniessen. (Bild 12: Calle de los Suspiros in Colonia del Sacramento)

Am Nachmittag wollte ich dann zu den naheliegenden Stränden am "Rio de la Plata" fahren. Ich hatte gesehen, dass man für CHF 2.10 für 24 h einen Scooter mieten konnte. Um aber ein bisschen die Fondue-Kalorien vom Vorabend zu verbrennen, entschied ich mich trotz dieses Wahnsinnsangebotes für die "Fahrrad-ohne-Bremsen"-Variante, welche von der Jugendherberge noch günstiger, nämlich gratis, zur Verfügung gestellt wurden. Als ich am ersten Strand ankam, wagt ich den Versuch mit dem Fahrrad im Sand direkt an der Wasserlinie entlang zu fahren. Das klappte ganz gut. Nach wenigen hundert Metern sah ich vier Personen, welche am Strand ein Spiel spielten. Neugierig hielt ich an, schaute ein bisschen zu, und fragte, was es für ein Spiel sei und wie es funktioniert. Es stellte sich heraus, dass es vier argentinische Touristen waren, und dass sie "Tejo", ein "Boggia"-ähnliches Spiel mit flachen Holzscheiben anstelle von Kugel, spielten. Am Schluss blieb ich zwei Stunden dort hängen, und gewann zusammen mit meinem Spielpartner ein Spiel nach dem anderen... ;-) (Bild 13: Tejo spielen am Strand)

Den Samstagabend verbrachte ich in der Jugendherberge, wo ich mir wieder einmal mein eigenes Abendessen kochen konnte. Ich bekam ausserdem auch wieder meine Wäsche zurück, welche ich am Morgen in der Jugendherberge zum waschen abgegeben hatte. Für CHF 5.00 wurde mir einer grosser Sack voll schmutziger Wäsche gewaschen und sogar gebügelt. Gebügelte Jeans und T-Shirts, das war schon lange her, als ich dies das letzte Mal getragen hatte... ;-) Um 02:00 ging ich dann mit ein paar Leuten von Jugendherberge in den Ausgang. Wie gesagt, in diesen Breitengraden geht niemand viel früher in den Ausgang.

Dass der Ausgang erst so spät stattfindet, ist natürlich nicht so toll, wenn man am nächsten Tag schon um 09:15 im Bus sitzen muss, und man zu alle dem noch den Wecker auf 08:30 anstelle 07:30 gestellt hat. Naja, der Sonntagmorgen begann deshalb ein wenig hektisch. Aber um 10:15 stand ich dann schon in der Schweiz... ;-) Um ein bisschen genauer zu sein, ich machte einen Zwischenstopp in der "Colonia Suiza Nueva Helvecia". Der Ort wurde 1861 von vorwiegend Schweizer Emmigranten gegründet. Der Ort ist in ganz Uruguay für seine Milchprodukte, vor allem natürlich Käse, bekannt. Unterdessen ist der Ort auf 10'000 Einwohner angewachsen, und nur noch ganz wenige Leute sprechen Deutsch. Zuviele Generationen liegen zwischen den ursprünglichen Siedlern und den jetzigen Einwohner. Trotzdem war es interessant z.B. auf den Grabsteinen die vielen Schweizer Geschlechtsnamen oder die Strassenschilder mit Schweizer Einfluss (z.B "Calle Frau Vogel (Strass Frau Vogel)" oder "Guillermo Tell (Willhelm Tell)") zu lesen. An jedem zweiten Hauseingang hängen ein bis zwei verschiedene Schweizer Kantonswappen. Wahrscheinlich die Ursprungskantone der Urvorfahren der jetzigen Hausbewohner. (Bild 14: Haus mit Kantonswappen in Nueva Helvecia)

Zur Mittagszeit kam ich dann noch beim "Hotel Suizo" vorbei. Ich konnte es ntürlich nicht lassen, die Gaststube zu betreten. Das war ein bisschen wie in einem Schweizer Skiferienort in eine Gaststube zu tretten. Nicht einmal die Jodlermusik fehlte. Ich wechselte mit dem Wirt ein paar Worte. Ich erzählte ihm unter anderem auch von meinen Fondue-Erfahrungen in "Colonia del Sacramento". Er meinte darauf hin, dass ich nun natürlich ein richtiges Schweizer Fondue bei ihm probieren müsste. So kam es, dass ich in Südamerika innerhalb von drei Tagen zweimal Fondue ass. Dies hatte ich in der Schweiz noch nie geschafft... ;-) Und ich muss sagen, dass das mit dem lokal hergestellten Käse zubereitete Fondue (Gruyère und ein Emmenthaler-ähnlicher Käse) kam fast an mein eigenes heran. Einzig ein Schuss Kirsch fehlte. Damit hatte ich nun für ein Weilchen meinen Fondue-Bedarf wieder gedeckt... ;-) (Bild 15: Wanderweg in die Schweiz?)

Um 14:00 ging es dann weiter in Richtung "Montevideo", der Hauptstadt von Uruguay. In meinem Reiseführer stand geschrieben, dass das Bus-Terminal von "Montevideo" ziemlich modern sein würde. Als ich dort aber ankam, wurden meine Erwartungen wieder einmal übertroffen. Klimatisiert, sauber, perfekt beschriftet, Monitore mit Abfahrtszeiten, Shopping-Center, usw. Schon nach drei Minuten nach meiner Ankunft hatte ich das Ticket für meinen Anschlussbus nach "Punta del Este" in def Tasche. Und das Beste: ich musste nur eine halbe Stunde warten. Es dauerte dann allerdings nur weitere zwei Minuten, bis ich mir dachte: Scheisse, nur noch 28 Minuten Wartezeit. In der Restaurantzone hing ein Schild mit der Anschrift "Free Wireless Internet Access". Ich packte meinen PDA (Archos PMA430), mit welchem ich übrigens alle diese Wochenberichte schreibe, aus, und schon konnte ich meine Emails (Danke Philipp für dein ausführliches Mail... ;-) ) und die neusten News aus der Schweiz bei "NZZ Online" lesen. Wäre nicht schlecht gewesen, wenn ich in "Asuncíon" bei meinem 7.5 stündigen Aufenthalt am Bus-Terminal diesen Service ebenfalls gehabt hätte. Aber eben, solche Sachen kommen immer dann, wenn man sie nicht braucht... :-(

Um 18:15 war ich dann in "Punta del Este", gerade noch rechtzeitig um den schönen Sonnenuntergang am Strand zu beobachten. "Punte del Este" ist der beliebteste Ferienort in Uruguay, und wird vor allem von den reichen Uruguayaner und Argentiniern besucht. Dazu dann aber mehr im nächsten Wochenbericht. (Bild 16: Sonnenuntergang in Punta del Este)

Ich bin erst seit ein paar Tage hier in Uruguay. Aber schon jetzt gefallen mir Land und Leute sehr gut. Die Uruguayaner sind ganz relaxte Leute, und haben einen coolen Lebensstil. Anbei ein paar Dinge, welche mir in Uruguay aufgefallen sind, und welche man in den meisten anderen südamerikanischen Ländern sicherlich nicht findet.

  • Es gibt Fussgängerstreifen, und die Fussgänger haben auf dem Fussgängerstreifen Vortritt. Und noch besser: Wenn man am Fussgängerstreifen steht, halten die Autofahrer auch an, und lassen die Fussgänger über die Strasse.
  • Wasser vom Hahnen kann man trinken. Schmeckt allerdings leicht nach Chlor. Und das Wasser war sogar in der Jugendherberge so heiss, dass ich mir fast die Finger brannte.
  • Die Busverbindungen sind aufeinander abgestimmt. Und die Busse warten, bis der Anschlussbus angekommen ist. Bin gespannt, wie lange andere südamerikanische Länder noch brauchen werden, bis sie merken, dass man Fahrpläne aufeinander abstimmen kann.
  • Seit Juni 2005 gibt es in Uruguay ein Gesetz, welches das Rauchen in öffentlichen Räumen verbietet. Nicht im Pub, nicht in der Disco oder sonst wo. Fortschrittlich! Bin gespannt, wie lange die Schweiz noch braucht, bis sie sich dafür ebenfalls durchgerungen hat.

2 Kommentare:

Patrik_G hat gesagt…

Hallo Andi

Ich bin sehr beeindruckt von deinen ausführlichen Schilderungen und habe riesigen Spass am Lesen. Es ist, als könnte ich dich ein bisschen begleiten. Ich freue mich auf die Fortsetzung. Viele Grüsse aus Basel in das ferne Südamerika.
Patrik


Anonym hat gesagt…

Hallo Andy!

Freut mich, dass du dir die Mühe gemacht hast, soweit in den Chaco vorzudringen und unsere Kolonie zu besuchen.
Ich bin eine Bürgerin der Kolonie Fernheim und Mitglied der Kooperative und möchte dich auf einen inhaltlichen Fehler in deinem Bericht über die Mennonitenkolonien hinweisen. Entweder hast du mit den Falschen geredet oder der Film, den du dir angeschaut hast, war nicht mehr aktuell. Denn Steuern zahlen wir, und zwar gewaltig! Ich kann das behaupten, da wir selbst ein Lebensmittelgeschäft besitzen und zwar an der Hindenburgstraße in Filadelfia. Wir zahlen doppelt Steuern: Erstens an die Kooperative, um unsere Dienstleistungszweige zu unterhalten und die finanziell Unglücklichen zu unterstützen (quasi kommunistisch)- was auch wunderbar funktioniert -, und Zweitens an den paraguayischen Staat nach allen Regeln und Gesetzen (ca. 90% aller Geschäftsinhaber). Würd mich freuen, wenn du das berichtigen würdest!!

LG andreapy